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Selbsthilfe von Menschen, die mit Transidentität zu tun haben.
 
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Schon mal drüber nachgedacht?

"Die Scham existiert überall, wo es ein 'Mysterium' gibt."

Friedrich Nietzsche

E N T W U R F

Transidentität - Informationen und Erfahrungen

Inhalt

  • Definitionen und Diagnose
    • Was ist der Unterschied zwischen Transidentität, Transsexualität und Transgender?
    • Was ist Transidentität?
    • Gibt es eine Heilung?
    • Wie wird Transidentität diagnostiziert?
    • Welche Hinweise auf Transidentität kann es geben?
    • Was kann ich tun, um mir meiner Entscheidung sicherer zu werden?
    • Wie ist der Zusammenhang zu Transvestitismus und Homosexualität?
    • Bin ich nicht zu jung oder zu alt dafür?
    • Und wenn doch alles ein Irrtum ist?
  • Coming-Out und erste Maßnahmen
    • Ich glaube, ich bin transident - was nun?
    • Wie kann ich jemandem erklären, was sich das anfühlt?
    • Muss ich Angst davor haben, mich Familie und Freunden anzuvertrauen?
    • Und wenn Ehepartner oder Eltern schlecht reagieren?
    • Ich bin mir sicher und möchte die Behandlung beginnen - wie läuft das ab?
    • Werde ich mich während meines Übergangs zum neuen Geschlecht verändern?
    • Wie viel Zeit und Geld sollte ich einplanen?
  • Der Prozess der Angleichung
    • Wie jetzt "Prozess", ich dachte, das wäre nur eine Operation *zack* und fertig?
    • Wie könnte eine typische Transition aussehen?
    • Welche Möglichkeiten der Angleichung gibt es?
    • Wie ist die rechtliche Verfahrensweise?
    • Wie funktioniert das mit den Hormonen?
    • Welche und wie viele Hormone sollte ich nehmen?
  • Ich bin gar nicht selbst betroffen
    • Liebe Eltern!
    • ...
  • Hinweise
    • Über die Autorin
    • Lizenz

Definitionen und Diagnose

Was ist der Unterschied zwischen Transidentität, Transsexualität und Transgender?

Es handelt sich um Bezeichnungen für ähnliche Situationen oder Probleme (je nach Betrachtungsweise), mit unterschiedlicher Betonung. Es geht darum, dass das körperliche, das gefühlte und/oder das soziale Geschlecht eines Menschen nicht immer miteinander übereinstimmen muss, sondern dass es in der Natur die verschiedensten Spielarten von Geschlechtlichkeit gibt.
Transsexualität ist der ältere und daher medizinisch und juristisch gebräuchliche Begriff, bei dem die (falschen) Geschlechtsorgane im Mittelpunkt stehen. Transidentität wird gerne von Betroffenen verwendet, die betonen möchten, dass es sich nicht um ein Problem der Sexualität handelt, sondern um eines der Identität: das berühmte Gefühl, im falschen Körper zu stecken. Auch wenn Transgender vom Wortsinn her recht gut passen würde - "Gender" bezeichnet im englischen Sprachraum das psychische Geschlecht und wird häufig mit der sozialen Rollenzuordnung gleichgesetzt; "Trans" meint die Veränderung -, wird es häufig als Oberbegriff für Abweichungen von klassischen Rollenzuordnungen verwendet, von denen sich viele Betroffene distanzieren, weil sie nicht der zugehörigen Szene und entsprechenden Klischees zugeordnet werden wollen.
Ein wichtiger Unterschied zwischen Transidentität und Transgender ist der Leidensdruck: Ein von Transidentität Betroffener leidet unter dieser Tatsache und will seinen Zustand ändern; ein Transgender entscheidet sich aus freiem Willen für einen bestimmten Lebensstil. Auch die Identifikation und das Selbstverständnis unterscheiden sich: Während ein Transgender sich (vermutlich) klar seinem körperlichen Geschlecht zugehörig empfindet oder sich irgendwo "zwischen den Geschlechtern" sieht, betrachtet sich ein transidenter Mensch entsprechend seinem gefühlten, also entgegengesetzt seinem körperlichen Geschlecht, und wird sich im sozialen Alltag entsprechend verhalten und reagieren, auch wenn dies im Vergleich zu Nicht-Betroffenen ungleich schwieriger ist, weil meist relativ spät im Leben erlernt.

Was ist Transidentität?

Transidentität bezeichnet eine Abweichung der Geschlechtsidentität vom biologischen Geburtsgeschlecht; die dauerhafte innere Gewissheit, sich dem anderen Geschlecht zugehörig zu fühlen. Sie wird in der ICD-10 unter F64 (Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen / Störungen der Geschlechtsidentität) gelistet:

F64.0 - Transsexualismus: Der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden. Dieser geht meist mit Unbehagen oder dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit zum eigenen anatomischen Geschlecht einher. Es besteht der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen.

Betroffene stören sich häufig an dem Begriff "Wunsch" (für die meisten ist es vielmehr ein "Wissen") ebenso wie an der Einordnung als psychische Krankheit - wir fühlen uns völlig gesund, auch geistig, abgesehen von dieser Kleinigkeit mit dem falschen Körper. Beliebter ist die Formulierung "Leidensdruck mit Krankheitswert", der laut Bundessozialgericht die Pflicht zur Übernahme von Kosten für medizinische Maßnahmen durch die Krankenversicherungen begründet.
Transidentität gab es schon immer, zu allen Zeiten, in allen Kulturen; sogar in der Tierwelt wurde entsprechendes Verhalten beobachtet. Der Unterschied ist die Handhabung durch die Gesellschaft: Während viele Naturvölker den "Menschen mit zwei Seelen" mystische Kräfte und Fähigkeiten zuordnen, werden sie in der modernen industriellen Zivilisation häufig ausgesondert, verachtet und tabuisiert.
In Deutschland gibt es grob geschätzt 80.000 Betroffene, mit hoher Dunkelziffer, also etwa einer unter tausend Einwohnern, von denen aufgrund unterschiedlich starker Ausprägung und abhängig vom persönlichen Umfeld nicht jeder den kompletten Weg einer äußerlichen Geschlechtsangleichung (auch Transition genannt) gehen möchte oder kann.
Die Ursachen von Transidentität sind unklar. Vermutet wird eine genetische Veranlagung in Verbindung mit hormonellen Einflüssen während der embryonalen Entwicklung. Es könnte sich um eine Sonderform von Intersexualität handeln, bei der keine sichtbaren körperlichen Merkmale vorliegen, sondern eine Fehlbildung im Gehirn. Umstritten ist bei der Definition unter anderem die Trennung zwischen körperlichen und rein psychischen Ursachen. Einigkeit besteht heutzutage darin:
Transidentität lässt sich weder an-erziehen noch weg-therapieren!

Gibt es eine Heilung?

Nein. Die derzeit einzig sinnvolle Maßnahme ist die weitestmögliche Angleichung des Körpers an die Seele. Umgekehrt ist es nicht möglich, auch wenn es bis in die 1970er Jahre immer wieder leidvoll versucht wurde, etwa mit Elektroschocks und Psychopharmaka. Durch die körperliche Anpassung können die Symptome gelindert werden, aber es bleibt immer eine Anpassung; es ist keine vollständige Umwandlung, denn es verbleiben zahlreiche körperliche, insbesondere aber auch seelische Merkmale.
Zwar gibt es Betroffene, die sich nach einer Genital-angleichenden Operation als geheilt bezeichnen und sich angeblich nicht mehr transident fühlen -- es kann sich dabei allerdings auch um eine Verdrängung handeln. Für eine vollständige Heilung müsste die Zeit zurückgedreht und das ganze Leben inklusive Kindheit und Pubertät von Anfang an nochmals "korrekt" erlebt werden. Selbst eine hypothetische Gehirntransplantation oder eine fortgeschrittene Gentherapie könnte diese Erfahrungen und Entwicklungen nicht ebenfalls angleichen.
Die Depressionsrate ist auch nach dem sozialen Geschlechtswechsel erhöht im Vergleich zum Durchschnitt. Auch wenn langfristig eine hohes Maß an Zufriedenheit erreicht werden kann, bleibt immer der Beigeschmack der Vergangenheit und des Potenzials, was hätte sein können, wenn die Entscheidung früher getroffen worden wäre, oder wenn gar keine Entscheidung notwendig gewesen wäre.
Für Außenstehende schwer verständlich ist die Empfindung, dass der Wechsel nicht freiwillig geschieht: Es ist nichts, wofür man sich entscheiden kann, sondern es besteht ein Zwang.
Es gibt einige wenige Betroffene, die für sich einen "dritten Weg" (neben "weiter leiden" und der "Angleichung") finden: sie schaffen es, ohne Geschlechtswechsel trotzdem glücklich zu leben. Meiner persönlichen Auffassung nach wäre jedoch in solchen Fällen die Diagnose "Transidentität" falsch, denn die beinhaltet doch eigentlich das Leiden unter der falschen Rolle im falschen Körper.

Wie wird Transidentität diagnostiziert?

Leider gibt es keinen Test, der sagen könnte "ja, du bist transident" oder "nein, du bist nicht transident". Es wird nach eindeutigen körperlichen Merkmalen geforscht, etwa Veränderungen im Gehirn oder im Erbgut, doch solange hier kein Durchbruch erzielt wird, bleibt nur die psychologische Einschätzung. Mithilfe eines Chromosomentests kann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit das körperliche Geschlecht eines Menschen festgestellt werden, sowie auch manche Formen von Intersexualität. Doch die Natur hält eine große Vielfalt bereit, und es gibt eigentlich nichts, was es nicht gibt an geschlechtlichen Variationen, von XY-Frauen und XX-Männern über Zwitter und Scheinzwitter bis z.B. zur Transidentität... Ich halte es für unwahrscheinlich, dass in absehbarer Zeit eine Zuordnung all dieser Ausprägungen zu eindeutigen genetischen Merkmalen gefunden wird. Und vielleicht sollten wir darüber froh sein: Was wäre, wenn ein zukünftiger Test "nein" ergibt, obwohl die Empfindung des Betroffenen eindeutig "ja" sagt?
Im Internet und anderswo gibt es gewisse Fragebögen zu den Themen sexuelle Orientierung und Identität (Stichwörter dazu sind "Cogiati" und "Brain Sex"), doch basieren diese mehr auf Geschlechter-Klischees als auf wissenschaftlicher Forschung. Dennoch kann das Nachdenken über diese Fragestellungen bei der Selbsterkenntnis helfen.
Ärzte und Psychologen können also keine Diagnose "von außen" stellen, sondern sie suchen durch langfristige Beobachtung und ausführliche Gespräche nach anderen Krankheiten und Störungen, die ähnliche Symptome hervorrufen könnten (etwa Intersexualität, Transvestitismus oder Autogynäkophilie) - das nennt man Ausschlussdiagnose. Wird nichts anderes gefunden - die Betroffenen sind zumeist rein körperlich völlig gesund und normal - liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit Transidentität vor.

Welche Hinweise kann es geben?

Die meisten Betroffenen sind sich einig, dass sie es einfach so von innen heraus wissen. Indizien, aber niemals Beweise, können sein:

  • Selbstverständliche Orientierung an weiblichen Gruppen in der Kindheit bzw. Ausschluss aus beiden Gruppen.

Was kann ich tun, um mir meiner Entscheidung sicherer zu werden?

100% Sicherheit gibt es nicht! Du solltest auf jeden Fall auch andere Möglichkeiten bedenken, und sei es nur, um sie auszuschließen.

  • höre auf dein Bauchgefühl
  • sprich mit Freunden und Verwandten, versuche deine Gefühle kritisch zu hinterfragen: - fühlst du dich beispielsweise nur manchmal im falschen Körper, und dann wieder ist alles in Ordnung? - liegt es hauptsächlich an der Kleidung oder Accessoires des anderen Geschlechts? - ...
  • überlege die Szenarien ... was wäre wenn... du etwas tust... oder nicht tust...
    Wo und wann würdest du in der Rolle des anderen Geschlechts auftreten -- Party? Urlaub? Nachbarschaft? Arbeit? ...
  • informiere dich über deine Möglichkeiten, z.B. mithilfe unserer Link-Sammlung
    Klar sollte sein: eine perfekte Angleichung gibt es nicht!
  • ziehe einen privaten Alltagstest in Erwägung: was würdest du an dir ändern?
  • erwäge den Besuch einer Selbsthilfegruppe - aber achte darauf, dich nicht beeinflussen oder zu irgendetwas drängen zu lassen!

Wie ist der Zusammenhang zu Transvestitismus und Homosexualität?

Transidente und Transvestiten haben eigentlich nicht viel gemeinsam, aber ihre Symptome können ähnlich sein. So verspüren typischerweise beide den Zwang, Kleidung des anderen biologischen Geschlechts zu tragen, allerdings mit unterschiedlicher Motivation: Ein Transidenter empfindet dies meist weniger als Verkleidung, sondern als Befreiung und als unvollständige Ahnung seiner gefühlten Identität; er strebt eine Dauerhaftigkeit und Vertiefung dieses Zustands an, macht dies aber nicht ausschließlich an der Kleidung fest. Ein Transvestit hingegen genießt den zeitlich beschränkten Rollenwechsel oder sieht darin einen sexuellen Reiz; er wünscht sich keine unumkehrbaren medizinischen Maßnahmen. Beiden gemeinsam ist der Leidensdruck, wenn sie ihrem Zwang nicht nachgeben können. Nicht wenige Betroffene erleben eine transvestitische Phase als Vorstufe zur Erkenntnis ihrer Transidentität.
"Sind Transvestiten homosexuell?" fragte schon Woody Allen in "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten" (1972). Entgegen landläufiger Meinung gibt es hier wenig Zusammenhang: Geschlechtsidentität und sexuelle Präferenzen sowie fetischistische Neigungen sind unabhängig voneinander. Es ist also kein Argument, nicht transident zu sein, wenn man vor dem Geschlechtswechsel nach außen hin heterosexuell zu sein scheint. Allerdings kann im Laufe der Transition (oder auch unabhängig davon) durchaus eine Änderung in den sexuellen Präferenzen auftreten, sei es aufgrund allgemeiner Orientierungslosigkeit oder neuer Selbsterkenntnis und Aufhebung alter Tabus.

Bin ich nicht zu jung oder zu alt dafür?

Die Bandbreite derjenigen, die den Weg eines Geschlechtswechsels einschlagen, geht quer durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten. Sowohl von über 70jährigen hat die Autorin schon gehört, als auch von Kindern und Jugendlichen, die den Alltagstest beginnen. In der Oldenburger Selbsthilfegruppe dürfte die Spanne derzeit von Anfang 20 bis Ende 50 liegen, der Schwerpunkt zwischen 30 und 40 Jahren.
Bei unter 18jährigen ist der Trend zur Behandlung möglichst schon vor der Pubertät zwar klar, doch nur bei extrem sicherer Diagnose. Auch gibt es juristische Hürden: Ohne Volljährigkeit kann beispielsweise keine Einwilligung in eine körperlich verstümmelnde Operation gegeben werden. Vielfach spüren die Betroffenen schon in früher Kindheit, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, doch oft braucht es eine gewisse Reife, Entwicklung und Willensstärke, um für sich selbst ausreichend Klarheit zu erlangen. Daher kann nicht allgemein gesagt werden, dass medizinische Maßnahmen so früh wie möglich ergriffen werden sollten, und es kann schwierig sein, den richtigen Zeitpunkt zu finden.
Bei Älteren ist es unterschiedlich, inwieweit sich die sexuelle Orientierung ändert. Viele sind verunsichert und schließlich mehr oder weniger bisexuell. Ob eine Ehe hält oder geschieden werden muss, ist völlig offen und hängt stark von der Anpassungsfähigkeit des Partners und des sozialen Umfelds ab. Solange keine medizinischen Hürden bestehen, steht einem vollständigen Wechsel der Geschlechtsrolle nichts im Weg. Und der Autorin sind sogar Fälle bekannt, bei denen transidente Menschen etwa aufgrund von Vorerkrankungen gänzlich ohne Hormontherapie und ohne chirurgische Eingriffe unerkannt in ihrer gewünschten Rolle leben und glücklich sind - oder zumindest glücklicher als zuvor.

Und wenn doch alles ein Irrtum ist?

Tja, schwer zu sagen. Theoretisch kann sich dies auch viele Jahre nach der Geschlechtsangleichung noch herausstellen. Man kann stets nur versuchen, das beste daraus zu machen. Und natürlich sollte man sich so sicher sein wie möglich. 100prozentige Sicherheit kann es aber meines Erachtens niemals geben, in keiner Lebenslage. Ein guter Therapeut kann dir durch kritische (auch provozierende) Fragen helfen, deinen Weg zu finden; und vor unumkehrbaren medizinischen Maßnahmen steht ein einjähriger "Alltagstest" auf dem Plan der meisten Ärzte. Der Anteil der "Rückkehrer", also derjenigen, die sich später für eine komplette Rück-Umwandlung und einen zweiten sozialen Wechsel entscheiden, liegt bei unter einem Prozent der Betroffenen. [Quelle?]


Coming-Out und erste Maßnahmen

Ich glaube, ich bin transident - was nun?

Das erste und wichtigste Schritt ist: Rede darüber, sprich dich aus! Indem du jemandem - egal ob sie sich damit auskennen oder nicht - deine Gedanken und Gefühle, Träume und Sorgen erzählst, kannst du dir über dich selbst klar werden. Falls du wirklich transident bist und deswegen in medizinische und juristische Behandlung kommst, musst du sowieso mit Ärzten und Gutachtern eine Menge darüber reden, also kann ein bisschen Übung nicht schaden.
Manche Leute schreiben gerne, andere reden lieber persönlich, und einige bevorzugen das Telefon - die Methode sei dir überlassen. Ein Forum wie trans-forum.de.vu bietet dir nur eine Möglichkeit zum Austausch. Du solltest auch den Besuch einer Selbsthilfegruppe in Erwägung ziehen: Die Chancen stehen gut, dass du dort Leute triffst, die genau so fühlen wie du selbst -- etwas, das man sonst kaum findet. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass du dort niemanden findest, mit dem du dich nett unterhalten kannst, so solltest du dort zumindest Adressen von geeigneten Ärzten bekommen.

Wie kann ich jemandem erklären, was sich das anfühlt?

...

Muss ich Angst davor haben, mich Familie und Freunden anzuvertrauen?

Ausnahmen bestätigen zwar die Regel, aber die Erfahrung zeigt, dass die Ängste vor Zurückweisung im engen Familien- und Freundeskreis beim Coming-Out in solchen Fällen oftmals völlig unbegründet sind. Gerade wenn die Leute schon lange vorher bemerkt haben, dass "irgendetwas" an dir nicht stimmt, sind sie erleichtert, endlich den Grund zu erfahren.
Tipp: Beginne ein Gespräch nicht unvorbereitet mit Halbwahrheiten und Gerüchten, sondern sammle vorher sachliche Informationen darüber, was mit dir los ist und was du als nächstes tun möchtest. Übertreibe es nicht mit plötzlichen Veränderungen, sondern gehe behutsam vor und nimm Rücksicht auf die Leute. Versetze dich in die Lage deiner Gesprächspartner und nimm es ihnen nicht übel, wenn sie zunächst ablehnend reagieren und "dumme" Fragen stellen: die meisten Leute haben schlichtweg keine Ahnung.

Und wenn Ehepartner oder Eltern schlecht reagieren?

Enge Verwandte fühlen sich oft persönlich betroffen, Eltern suchen als erstes bei sich selbst eine "Schuld". Wenn du noch jung bist, solltest du deine Eltern nicht vor vollendete Tatsachen stellen, sondern ihnen die Chance geben, an deiner Entwicklung teilzuhaben. Wenn sie sich skeptisch zu bestimmten Behandlungen äußern, dann biete ihnen an, dich zu den Ärzten zu begleiten, um die Informationen aus erster Hand zu bekommen.
Von Ehepartnern darf man nicht zu viel erwarten - sie haben schließlich geheiratet, weil sie eine ganz bestimmte Person lieben. Wenn sich diese Person stark verändert, besteht die Grundlage für eine Ehe nicht weiter. Man kann insbesondere nicht verlangen, dass die sexuelle Ausrichtung des Partners sich von heterosexuell zu homosexuell verändert. Nur wenige Partner kommen damit klar; vielleicht waren sie schon immer bisexuell, oder die Beziehung zum Menschen ist ihnen wichtiger als das körperliche.
Trotz aller Vorbereitung und Rücksicht kann es passieren, dass ein Coming-Out von der Gegenseite zunächst sehr negativ aufgenommen wird. In diesem Fall kann man meist nur für eine Weile Abstand halten und auf Verständnis hoffen. Zeit heilt nicht alle Wunden, aber sie kann Schmerzen lindern. Denke daran, nicht nur du hast Schmerzen, sondern unter Umständen auch deine Verwandten und Freunde - es kann schwierig sein, hier ein faires Gleichgewicht zu finden. Wichtig für alle Beteiligten ist die Erkenntnis, dass niemand an der Situation Schuld trägt, und dass nun gemeinsam an der besten Lösung für alle gearbeitet werden muss.

Ich bin mir sicher und möchte die Behandlung beginnen - wie läuft das ab?

Du musst mit einem Arzt bzw. Ärztin darüber sprechen. Mir persönlich hat es geholfen, dass ich gerade wegen Umzug den Hausarzt gewechselt hatte; meinem langjährigen Hausarzt in der Kleinstadt, mit dessen Tochter ich zur Schule ging, hatte ich mich nicht anvertrauen können, obwohl auch er natürlich Schweigepflicht hat. Du brauchst zunächst eine Überweisung zu einem qualifizierten Psychotherapeuten - bei der Suche kann eine Selbsthilfegruppe helfen. Keine Angst: Wenn du dir sicher bist, wird es keine "Therapie" im Wortsinn geben, sondern eine "therapeutische Begleitung", damit der Arzt dich kennenlernen und weitere Maßnahmen befürworten kann. (Du könntest auch ohne Hausarzt direkt zum Therapeuten gehen, das würde ich aber nicht empfehlen.)
... Alltagstest, Hormone, Namensänderung etc.

Werde ich mich während meines Übergangs zum neuen Geschlecht verändern?

Ja, von außen wird es scheinen, als würdest du dich verändern. Tatsächlich verändern wir ja unser Äußeres. Aber in den meisten Fällen beschränkt sich diese Veränderung auch wirklich auf diesen Teil unserer Person. Unser Inneres hingegen, unsere Persönlichkeit und Gefühlswelt, erlebt mehr eine Befreiung, ein Ausleben lange unterdrückter und an die Erwartungen unserer Umwelt angepasster Gefühle. Wir bleiben der gleiche Mensch, doch haben wir nun manchmal eine neue Perspektive. Nicht zuletzt die Geschlechtshormone haben großen Einfluss auf zukünftige Empfindungen und Entscheidungen.

Wie viel Zeit und Geld sollte ich einplanen?

...


Der Prozess der Angleichung

Wie jetzt "Prozess", ich dachte, das wäre nur eine Operation *zack* und fertig?

Schön wär's. Abgesehen davon, dass auch die beste chirurgische "Geschlechtsumwandlung" - Betroffene und Fachleute bevorzugen den Begriff Genital-angleichende oder Geschlechts-angleichende Operation, kurz GaOP - niemals die Perfektion der Natur nachbilden kann, verwandelt nicht allein die Transformation eines Penis in eine Vagina einen Mann in eine Frau; andersherum ist es sogar noch schwieriger. Es bestehen weit mehr Unterschiede in Anatomie, Psyche und Verhalten, die von den Betroffenen einzeln aufgearbeitet werden, soweit möglich. Dazu kommen juristische Verfahrensweisen zur Änderung des Vornamens und Personenstandes.
Der gesamte Übergang - auch Transition genannt - dauert in vielen Fällen etwa drei bis fünf Jahre, die man einplanen sollte, bis der Betroffene einigermaßen unauffällig und zufrieden in der gewünschten Rolle leben kann, ohne sich ständig Gedanken und Sorgen rund um dies eine Thema machen zu müssen. Es gibt sehr wenige Leute, die es wesentlich schneller schaffen, und es ist anzuzweifeln, ob sie es dadurch im Endeffekt leichter oder besser haben. In Ausnahmefällen kann es sinnvoll sein, den Wechsel in der Öffentlichkeit innerhalb einiger Tage bis Wochen zu verwirklichen, aber meist ist es besser, die Sache behutsam anzugehen, Schritt für Schritt.

Wie könnte eine typische Transition aussehen?

  • Monat 1: Selbsterkenntnis und Reden. Der Betroffene stellt für sich fest, dass er sich im falschen Körper fühlt, und entschließt sich, etwas dagegen tun zu wollen. Er spricht mit Verwandten oder Freunden, um sich sicherer zu werden, besucht eine Selbsthilfegruppe und wendet sich an seinen Hausarzt, um sich zu Fachärzten überweisen zu lassen. Zu Beginn ist ein mit diesem Fachgebiet erfahrener Psychotherapeut dringend zu empfehlen.
  • Monat 2: Alltagstest. Ist der Betroffene sich sicher, kann schon mit der therapeutischen Begleitung der Alltagstest starten, d.h. der Betroffene versucht soweit wie möglich in der gefühlten Rolle zu leben. In dieser Phase kann er bereits seinen neuen Vornamen verwenden.
  • Monat 3: Merkmale. Ist er sich immer noch sicher, kann der Betroffene mit der dauerhaften Änderung sekundärer Geschlechtsmerkmale beginnen, bei Mann-zu-Frau etwa die Epilation des Bartes. Auch eine Sprachtherapie kann sinnvoll sein.
  • Monat 6: Namensänderung. Läuft der Alltagstest gut, und hat er sich in seinem wesentlichen privaten und beruflichen Umfeld geoutet, kann der Betroffene inoffizielle Namensänderungen beantragen, etwa bei seiner Krankenkasse.
  • Monat 9: Gerichtsverfahren. Beim zuständigen Amtsgericht stellt der Betroffene einen Antrag auf Vornamensänderung nach § 1 TSG und ggf. auf Vorabentscheidung nach § 9 TSG.
  • Monat 10-15: Begutachtung. Das Gericht eröffnet das Verfahren, beauftragt zwei Sachverständige, diese begutachten den Betroffenen und dokumentieren seine Verfassung.
  • Monat 13: Hormonersatztherapie. Nach einem Jahr therapeutischer Begleitung befürwortet der Psychotherapeut die Einleitung der kontrasexuellen Hormonbehandlung. Spätestens ab hier werden die Veränderungen unumkehrbar.
  • Monat 15: Vorgespräch. Der Betroffene informiert sich über Chirurgen und lässt sich persönlich beraten.
  • Monat 16-17: Beschluss. Das Amtsgericht lädt zur persönlichen Anhörung und beschließt die Vornamensänderung. Mit seiner neuen Geburtsurkunde und dem Gerichtsbeschluss beantragt der Betroffene die Ausstellung eines neuen Personalausweises. Mit diesem nimmt er dann alle weiteren Änderungen in Dokumenten und bei Institutionen vor.
  • Monat 18: Papierkrieg. Wenn die Krankenkasse mitspielt und alle erforderlichen Papiere vorliegen, kann der Betroffene seine Genital-angleichende Operation in die Wege leiten.
  • Monat 21: Operation. Durch einen chirurgischen Eingriff werden die primären Geschlechtsmerkmale dem gefühlten Geschlecht äußerlich weitestgehend angeglichen. Auch sekundäre Eingriffe, etwa Abbau oder Aufbau der Brust, können zeitnah durchgeführt werden.
  • Monat 22-24: Personenstand. Mit dem Operationsbericht und ggf. einem weiteren ärztlichen Gutachten wird nun die Personenstandsänderung beim Amtsgericht beantragt und von diesem abgesegnet.
  • Monat 26: Korrektur. In den meisten Fällen ist eine zweite, sehr viel kleinere Operation erforderlich oder von vornherein geplant.
  • Monat 30: Fertig? Sofern medizinisch und psychisch alles gut verheilt und stabil ist, kann sich der Betroffene "fertig" nennen und fühlen. In vielen Fällen ist jedoch noch psychische Nachbetreuung sinnvoll, und Behandlungen wie Epilationen sind noch nicht abgeschlossen. Außerdem kann die durch die Hormonbehandlung ausgelöste Pubertät körperlich und psychisch noch einige Jahre andauern.

An vielen dieser Punkte können sich Verzögerungen ergeben. Beispielsweise dauerte die Namensänderung der Autorin einige Monate länger als geplant, weil einer der Gutachter aus Zeitmangel zurücktrat und ein neuer bestimmt werden musste, weil danach beide Gutachter über die Sommerferien warten ließen und dann der eine von ihnen mehr als drei Monate zum Schreiben seiner Stellungnahme brauchte, und weil schließlich die Anhörung durch einen Richterwechsel verschoben wurde.
Auch kann die Wartezeit bei einigen Chirurgen mehr als ein Jahr betragen.

Welche Möglichkeiten der Angleichung gibt es?

Überblick: Was ist alles möglich? - Hormonblocker, Hormone, Operationen, Lügen? Kann man völlig unauffällig und unerkannt leben? Wer trägt die Kosten? Wo sind die Grenzen? (z.B. Fortpflanzung) ...

Wie ist die rechtliche Verfahrensweise?

...

Wie funktioniert das mit den Hormonen?

... Beide sind sich chemisch sehr ähnlich, erfüllen großteils gleiche Funktionen im Körper, können ineinander umgewandelt werden. Die Nebennierenrinde produziert beide Varianten, aber nur in geringer Konzentration, so dass eine Funktionslosigkeit oder völlige Abwesenheit der Geschlechtsdrüsen langfristig zu Krankheiten wie z.B. Osteoporose (Knochenschwund) führen kann. Auch wenn einige Gynäkologen und Urologen Kenntnisse auf dem Gebiet der Hormone haben, ist zu empfehlen, sich bei speziellen Fragen an einen Endokrinologen zu wenden.

Welche und wie viele Hormone sollte ich nehmen?

Diese Frage kann und darf die Autorin nicht konkret beantworten, dies sei den Ärzten vorbehalten. Hormone sind Teil eines komplexen Regelsystems von Körperfunktionen, mit dem man nicht spielen sollte!
"Viel hilft viel" gilt nicht, im Gegenteil: Die Erfahrung vieler Betroffener zeigt, dass ein sanfter Einstieg und eine sanfte Steigerung sinnvoll sind. Manche begründen dies mit einer Theorie, nach der sich die Rezeptoren (Empfangsmechanismen für Botenstoffe im Organismus) nur langsam an die neue Situation gewöhnen könnten und bei zu hohen Dosierungen "überlastet" seien. Glaubwürdiger erscheint die Beobachtung, dass bei hoher Konzentration eines Geschlechtshormons dieses vom Körper in das jeweils andere umgewandelt wird. Eine Überdosis Testosteron wird also teilweise in Östrogen umgewandelt, was im Falle von Doping männlicher Sportler in gewissen Verweiblichungserscheinungen deutlich wird, etwa Gynäkomastie (weibliche Brustbildung) - bei Transmännern unerwünscht. Ebenso kann eine hohe Dosis Östrogen bei Transfrauen zu verstärkter Körperbehaarung führen. Unter Umständen steigt auch die Gefahr einer Krebserkrankung drastisch an, wie sich bei großen Studien in den USA über neue Produkte zur Behandlung von Wechseljahresbeschwerden zeigte. [Quelle?]
Bei der Interpretation eigener Messwerte ist es wichtig, nicht nur die Konzentrationen der primären Geschlechtshormone (Testosteron und Östrogen) zu betrachten, sondern auch einige sekundäre Steuerungshormone, die etwas über den individuellen Bedarf aussagen - beispielsweise sorgen die Hypophysenhormone LH und FSH im gesunden Körper für die Anregung der Geschlechtsdrüsen.


Ich bin gar nicht selbst betroffen

Liebe Eltern!

Ihr tragt keine Schuld daran, dass Euer Kind transsexuell ist. Ihr solltet deswegen kein schlechtes Gewissen haben. Ihr dürft allerdings dann ein schlechtes Gewissen haben, wenn Ihr Euer Kind nun nicht annehmt und unterstützt. Stellt Euch vor, Euer Kind hätte eine körperliche Behinderung, sei es von Geburt an oder durch einen Unfall: Ihr würdet es trotzdem lieben und unterstützen. Nun ist Euer Kind leider mit den falschen äußeren Geschlechtsmerkmalen geboren... manche betrachten dies ebenfalls als körperliche Behinderung. Ich vergleiche es auch gerne mit meinem einen fast blinden Auge: Niemand kann etwas dafür, es ist eigentlich nichts schlimmes, und es ist in vielen Fällen sogar gewissermaßen heilbar - wenngleich nur die Symptome bekämpft werden, nicht die Ursachen. Vergleichbar wiederum mit einer guten Prothese nach einer Amputation, die ein weitgehend normales und unauffälliges Leben ermöglicht.

...

...

(wird bei Gelegenheit fortgeführt)


Hinweise

Über die Autorin

Die Autorin lebt in Norddeutschland und arbeitet in der IT-Branche. Sie wurde 198x in einem männlichen Körper geboren und ließ im Jahr 2000 (unbewusst) erste geschlechtsangleichende Maßnahmen durchführen. Nach Unterbrechung und neuer Selbsterkenntnis begann sie 2004 ihren Alltagstest in der weiblichen Rolle, ist seit 2005 in Hormonersatztherapie und hatte 2006 eine Genital-angleichende Operation sowie Vornamens- und Personenstandsänderung. Sie war in logopädischer Behandlung, hat Erfahrungen mit verschiedenen Techniken der Epilation gesammelt und sich einer Nasenkorrektur sowie einer Haartransplantation unterzogen.
Im August 2005 startete sie unter der Adresse trans-forum.de.vu eine Online-Selbsthilfegruppe für alle Menschen, die mit Transidentität zu tun haben. Seit Ende 2006 engagiert sie sich in einer Offline-Selbsthilfegruppe für Transsexuelle und Transvestiten, um ihre Erfahrungen mit anderen Betroffenen zu teilen. Sie hat bereits Vorträge für Schüler gehalten und ist offen für seriöse Forschungsprojekte und Interviews, um für Toleranz zu werben und Diskriminierung vorzubeugen.
In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich gerne mit der Geschichte der Technik, mit Kosmologie und Vorgeschichte. Neben anderen Sportarten übt sie sich in japanischen Kampfkünsten, spielt leidenschaftlich Schlagzeug und Fantasy-Rollenspiele und versucht, nicht zu viel Zeit am Computer zu verbringen.

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Dieser Artikel ist lizenziert unter einer
Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 2.0 Deutschland Lizenz.
Autorin: "Nina / trans-forum.de.vu"
Stand: 2007-11-28

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